Ich lebe meine Vision

Bislang kann ich nicht von Schneemassen berichten. Das wollte ich ändern. Immerhin hatte ich meine Skiausrüstung teilweise eingepackt und mir fest vorgenommen, ein paar Kurven auf norwegischen Pisten zu ziehen.

Nach einem verregneten Heiligen Abend – was mich ja gar nicht störte – packte ich mein Dach wieder zusammen und startete Richtung nächstem Skigebiet, welches auch geöffnet war. Das Internet sagte mir nämlich, dass tatsächlich Schnee noch nicht überall ausreichend gefallen war. Also los in Richtung Geilo.

Allein der Weg war ein reines Abenteuer und endlich echt winterlich norwegisch. Meine ausgesuchte Strecke sah vor, dass ich erst einen Pass erklimmen sollte um dann anschließend über eine Hochebene durch den Hallingkarvet Nasjonalpark abwärts Richtung Geilo rollen zu können. Also rauf rauf rauf, den Pass hinauf. Der Camper kletterte zuverlässig eine Kurve nach der anderen hoch, links und rechts meist eine atemberaubende Aussicht auf die Landschaft unter mir, die zusehends kleiner wurde. Es wurde etwas weißer und Wind fegte Schneeflocken rund um die Motorhaube. Und plötzlich – Ende. Ein Tunnel mit einem verschlossenen Tor gähnte mich an. Eine vorgeschaltete Ampel wechselte von rot auf grün und das Tor begann sich wie von Geisterhand zu heben. In jedem Horrorfilm sollten die Hauptdarsteller jetzt besser umdrehen und das Weite suchen…

Gut, ich erwartete keine Untoten oder Vampire oder ähnliches – außerdem war ich ja genau für solche Abenteuer angereist. Also, Fuß auf’s Gas und ab in den Tunnel. Der war pragmatisch in den Felsen gehauen und stockduster. Die Atmosphäre war unwirklich, kein Auto vor oder hinter mir. Nur gähnende Leere, die von meinen Scheinwerfern durchschnitten wurde.

Nach einer gefühlten Ewigkeit dann soetwas wie Licht am Ende des Tunnels – das waren dann die Rücklichter von weiteren Autos, die sich vor mir aufgereiht hatten und warteten. Ich bließ stehen. Ein Tunnelverwalter von der Straßenaufsicht kam direkt zu mir und bat mich noch ein paar Minuten zu warten, dann würden wir in Kolonne weiter fahren. Was war nun das wieder? Wirklich sehen konnte ich nix, dafür stand ich noch zu weit im Tunnel. Kalt war es; zum Warten sollte ich den Motor im Tunnel natürlich ausstellen. Für mich gar kein Problem – konnte ja die Standheizung einschalten.

Irgendwann sah ich dann ein großes Räumfahrzeug ankommen, welches ein oder zwei Autos im Schlepptau aus dem Gegenverkahr hatte. Die fuhren dann weiter in die Richtung aus der ich gerade gekommen war. Das Räumfahrzeug drehte. Inzwischen hatten sich hinter mir weitere Autos angesammelt und wir waren angehalten Licht einzuschalten sowie Warnblinklicht während der gesamten Fahrt. Und dann ging es los – die vermutlich verrückteste Winterfahrt meines Lebens.

Das Räumfahrzeug schoss los – wir hinterher. Ich an dritter Stelle. Aus dem Tunnel heraus habe ich auch sofort verstanden, warum der ganze Zirkus veranstaltet wurde. Wir fuhren in einer anderen Welt – voll mit Eis, Schneetreiben und einem unberechenbaren Sturm, teilweise mit Bildung von Verwirbelungen so stark, dass diese die typische Tornadotricherform annahmen. Jetzt geht man unter solchen Umständen davon aus, dass besonders vorsichtig und langsam gefahren wird. Nicht in Norwegen – mit ca. 50km/h schossen wir über die eisige Straße. Es hieß nicht den Anschluss zu verlieren, denn oft waren die Schneeverwehungen so schnell wie sie vom Räumfahrzeug durchbrochen wurden auch wieder da. Hochkonzentriert fuhr ich stur hinterher. Die Lichtverhältnisse waren ebenfalls syrreal – Schneetreiben durch wahnsinnigen Sturm und gleichzeitig Sonnenuntergang-Szenarien. Der absolute Wahnsinn. Die Landschaft war rau, Eisformen aus Schnee und der Wind, der jede Form innerhalb von Sekunden änderte.

Irgendwann wurde es etwas ruhiger, da wir kontinuierlich bergab fuhren. An einer Wendestelle mit Schranke blieb das Räumfahrzeug dann stehen und signalisierte für uns die Weiterfahrt alleine. Es dauerte gar nicht mehr lange und ich erreichte eine nächste bewohnte Ortschaft. Von da war es dann gar nicht mehr weit bis Geilo. Inzwischen war es dunkel um mich herum geworden und ich freute mich, als ich die Lichter des Campingplatzes mit warmer Dusche in Geilo vor mir hatte.

Die anschließenden 3 Tage auf der Piste waren toll, insbesondere die Sonnenuntergänge. Die Norweger sind ein sportliches Volk – wer lieber ein Wochenende auf dem Sofa verbringt als im Freien, der wird schief angeschaut. Trotz Feiertage hatte ich die Lifte fast für mich alleine und habe jeden Schwung ausgekostet.

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